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Unverletzte Jungtiere am Fundort belassen – in der Regel sind sie nicht verlassen!

Vielfach stellt sich im Wonnemonat Mai in der Natur und auch in den Gehegen des Vogelparks im Herborner Stadtteil Uckersdorf Nachwuchs ein. Aktuell stehen in Herborns Naturerlebniszentrum besonders die zierlichen Teichhuhnküken, die am Biotopteich für die Europäischen Sumpfschildkröten sogar diesen seltenen Reptilien deutlich den Rang ablaufen, im Blickpunkt.

Doch leider hält einmal mehr auch das Familienleben in der Natur das Vogelparkteam, stark in Atem. Denn jetzt häufen sich wieder die Fälle, in denen nur scheinbar verlassene Jungtiere von Tierfreunden in falsch verstandener Tierliebe aufgegriffen werden, um sie von Hand großzuziehen.

Nach Mitteilung von Vogelparkleiter Wolfgang Rades ist es auch im Interesse der Tiere grundsätzlich erforderlich, unverletzte Jungtiere am Fundort zu belassen. Denn wie der Biologe betont, handelt es sich  bei den scheinbar hilflosen Jungtieren zumeist gar nicht um Waisen. Dies gilt unter den Säugetieren zum Beispiel für Rehkitze oder junge Feldhasen, die von ihrer Mutter nur abgelegt werden, um sie einige Male am Tag oder auch in der Nacht zum Säugen aufzusuchen.

Auch in der Vogelwelt kommt es häufig vor, dass  noch kleine, aber schon befiederte Jungvögel, z. B.  Eulen oder auch Singvögel, ihr Nest vorzeitig verlassen. Als so genannte „Ästlinge“ stehen diese oft noch nicht flugfähigen Jungen dann im Astwerk oder auch auf einer Wiese sitzend durch Bettelrufe mit ihren Eltern in Verbindung, und werden von diesen auch außerhalb des Nests weiter versorgt.. Solche Jungvögel, die keine menschliche Hilfe benötigen, aufzugreifen und somit quasi zu „kidnappen“, ist deswegen falsch verstandene Tierliebe.

Allerdings sollten Tierfreunde in den Fällen, in denen  der Aufenthaltsort eines Jungvogels an einem kritischen Platz, etwa direkt an einer stark befahrenen Straße oder auf einem Kinderspielplatz ist, helfend eingreifen, aber natürlich mit Augenmaß! Das Vogelparkteam empfiehlt in diesen Fällen den Jungvogel in einigen Metern Entfernung an eine geschützte Stelle, zum Beispiel in eine Hecke oder unter ein Gebüsch, umzusetzen.

Noch nackte Jungvögel sollten hingegen möglichst vorsichtig ins Nest zurückgesetzt werden. Bei Vögeln ist das nach Mitteilung des Herborner Biologen unproblematisch, da sich die Vogeleltern im Gegensatz zu Säugetieren nicht am menschlichen Geruch stören. Dringend rät der Experte davon ab, Jungtiere zur Handaufzucht mitzunehmen.

Denn von Hand aufgezogene Jungtiere haben selbst bei fachgerechter Pflege sehr viel schlechtere Überlebenschancen als die in der Natur aufgewachsenen.

Wie Wolfgang Rades weiter mitteilt, erlaubt das  Bundesnaturschutzgesetz die vorübergehende Aufnahme von Jungtieren wildlebender Arten nur dann, wenn sie verletzt oder krank und somit wirklich hilflos sind.

In Zweifelsfällen empfiehlt es sich, telefonische Auskünfte bei der Unteren Naturschutzbehörde der Kreisverwaltung (im Lahn-Dill-Kreis Tel. 06441/4071831), der Vogelklinik Gießen (Tel. 0641/9938432), der Staatlichen Vogelschutzwarte in Frankfurt (Tel. 069/420105-0), der örtlichen NABU-Gruppe (beispielsweise unterhält der NABU in Solms-Oberbiel eine kleine Auffangstation) oder im Vogelpark Herborn (Tel. 02772/42522) einzuholen.

Weiterhin betont der Vogelparkleiter, dass die Einrichtung nicht alle pflegebedürftigen Vögel aufnehmen kann. Rades: „Dies hat neben den begrenzten Kapazitäten im Vogelpark auch hygienische Gründe. Denn es gilt, ein Infektionsrisiko für den kostbaren Vogelbestand unseres Parks auszuschließen.  Deswegen können wir uns nicht um die häufigen Arten wie Singvögel, Mauersegler, Tauben oder Enten kümmern!“

Folglich nimmt der Vogelpark Herborn in seiner kleinen Auffangstation nur Vertreter der selteneren Arten wie Greifvögel, Eulen, Störche, Kraniche, Reiher, Taucher oder Eisvögel auf.

Im Gegensatz zu anderen Bundesländern wird die Arbeit von Wildvogelpflegestationen in Hessen leider nicht vom Land bezuschusst. Deswegen ist der Vogelpark Herborn aufgrund der - übrigens freiwillig - erfolgenden  Übernahme der Aufgaben einer Wildvogelpflegestation natürlich froh über jede finanzielle Unterstützung, sei es durch die Übernahme einer Patenschaft oder auch „nur“ durch die Eintrittsgelder der in diesem Mai hoffentlich besonders zahlreichen Vogelparkbesucher.

Aktuell wird im Vogelpark neben einem geschwächt aufgegriffenen Uhu ein besonders heller Mäusebussard gepflegt. Unbekannte Täter hatten diesen Greifvogel offensichtlich durch Stutzen der Schwungfedern flugunfähig gemacht. Halb verhungert wurde der hilflose Bussard, der sich zuletzt seinem Gewölle zufolge als Fußgänger nur noch von Mistkäfern ernährt hatte, von Naturfreunden im Wald bei Kölschhausen aufgegriffen. Rades: „Es ist unbegreiflich, was manche Mitmenschen der Tierwelt antun!“